Informationsblatt der Blauen Gebetsoase

in Sievernich

 April 2009

Unreinheit des Herzens, des Geistes und des Körpers

Gott ist die oberste, vollendete Reinheit. Reinheit kann als das Vermögen der Seele betrachtet werden, Gottes Licht an ihre Umgebung weiterzuleiten. Dies heißt, dass eine Seele, je reiner sie ist, umso getreuer Gottes Licht widerspiegeln kann. Je unreiner eine Seele ist, umso mehr Finsternis trägt sie in sich. Aus diesem Grunde kann die Reinheit als die Tugend oder die seelische Verfassung betrachtet werden, aufgrund welcher die Seele Gott am meisten ähnlich sieht.

Wenn gesagt wird, dass Gott die Menschenseele ursprünglich nach Seinem Bilde erschaffen hat, heißt das also eigentlich, dass es so beabsichtigt war, dass jede Menschenseele vollkommen rein sein sollte. Jede Sünde, jede Untugend befleckt die Reinheit der Seele. Man könnte es sich so vorstellen, dass eine vollkommen reine Seele wie ein vollkommen gereinigter Spiegel ist und dass jede Sünde und jede Untugend ein Fleckchen - manchmal einen größeren Fleck - auf diesen Spiegel wirft, so dass sich das Sonnenlicht (Gottes Licht) nicht mehr makellos in ihm widerspiegeln kann.

Die Seele lebt von Gottes Licht, das wesentlich aus der vollendeten Liebe und der vollkommenen Weisheit von Gottes Wahrheit besteht. Die Seele muss das alles dauernd in sich aufnehmen, so wie jede Pflanze das Sonnenlicht in sich aufnehmen muss, um ihren Stoffwechsel handhaben zu können. Der Stoffwechsel in einer Pflanze ist das Ganze der Vorgänge, wodurch diese Pflanze innerlich wächst und allerhand Stoffe herstellt, von denen manche dem Menschen und den Tieren Nahrung verschaffen und andere wiederum Heilkraft besitzen.

Etwas Ähnliches macht das Göttliche Licht in der Menschenseele: Sie nimmt das Licht in sich auf, ernährt sich damit bis in den tiefsten Kern ihres Wesens und in dem Grad, wie sie das Göttliche Licht fruchtbar in sich benutzt, verarbeitet sie es zu Nahrung und Heilmitteln für andere Seelen. Die reine Seele ist eine Seele, die das Göttliche Licht in heilem Zustand an ihre Umgebung weiterleitet. Sie ernährt und heilt ihren Mitmenschen dadurch, dass sie ihn am Göttlichen Licht teilhaben lässt, das sie in gutem Zustand auf ihn weiterstrahlt. Sie ist also dazu imstande, andere Seelen etwas von demjenigen erfahren zu lassen, was es heißt, mit Gott Selber in Berührung zu kommen; denn die reine Seele vermittelt ihrer Umgebung in ihren Kontakten etwas von den Göttlichen Eigenschaften und Verfassungen. Sie gibt etwas von sich, was die anderen Seelen tief innerlich an das Bild Gottes erinnert, das auch sie bei ihrer Schöpfung in sich geprägt bekommen haben.

Die menschliche Gesellschaft ist durch eine Häufung unzähliger Sünden so weit von Gottes Plänen und Absichten abgewichen, dass sie in vieler Hinsicht die Reinheit in den Seelen bedroht. Sie tut das, indem sie die Seelen mit unreinen Bildern und Schriften, Werbung und Fernsehsendungen überschwemmt, die geradezu überfüllt sind mit Informationen und Eindrücken, die als Unreinheit des Mundes, des Geistes, des Herzens und des Körpers zu bezeichnen wären. Dazu kommen die unzähligen Formen von Sittenlosigkeit und die Förderung einer allgemeinen “Freiheit” der Äußerung von allem, was sich irgendwie im Bereich der Triebe und Bedürfnisse in den Geistern abspielen kann.

Diese “Freiheit” heißt eigentlich “Hemmungslosigkeit”; denn es handelt sich nicht um eine Freiheit, die die Seele befreit, sondern um eine vollkommene Ermordung des Gewissens, also in Wirklichkeit lässt sich die Seele durch diese “Freiheit” in einen Kerker einsperren. Das Einzige, was “befreit” wird, ist die Verlegenheit, die Hemmung, die Schüchternheit in Bezug auf Aspekte des inneren Lebens, die von der reinen Seele - das heißt: von der Seele, die am Göttlichen Leben beteiligt ist - zusammen mit Gott/Maria bewältigt werden können.

Je nachdem die Reinheit in der Seele geschwächt wird, spürt diese ein zunehmendes Bedürfnis, diese Aspekte, die mit der Körperlichkeit im Zusammenhang stehen, zum Ausdruck zu bringen. Sie kann das erst dann recht tun, nachdem Lebenshaltungen wie die freie Sexualität und ungehemmte öffentliche Erotik feste und akzeptierte Elemente der Gesellschaft werden. Sobald die große Hemmung von Seiten der Gesellschaft und die Kontrolle von Seiten des menschlichen Gesetzes (Behörden und Gerichte) ausfallen, fühlt sich die Seele frei, es sei denn... sie fühlt sich immer noch durch Gottes Gesetz gebunden, das jede Anhänglichkeit an das Weltliche, wie zum Beispiel die ungehemmte Empfindung der Körperlichkeit, als größtes Hemmnis des Wachstums der Seele zur wahren Heiligkeit herausstellt.

All dasjenige, was das ungehemmte Erleben der Körperlichkeit ermöglicht, bildet ein Gefängnis um die Seele herum. Die Seele wird zur Sklavin des Körpers. Vergessen wir aber nicht, dass der Mensch nicht mit dem Körper vor Gottes Gericht erscheint, sondern mit der Seele. Die Seele kann nur dann in die wahre Freiheit des Paradieses geführt werden, wenn sie sich zunächst auf Erden “vom Körper befreit hat”. Die Seele als Gefangene des Körpers und seiner ungehemmten Bedürfnisse kann die wahre Freiheit nicht finden. In dem Grad, wie sich unser Körper auf Erden unserer Seele unterworfen hat, kann die Seele als Herrin unseres Wesens vor Gott erscheinen. Nur in dieser Eigenschaft kann Gott sie als Bauwerk Seiner Hände wiedererkennen.

 Unfähigkeit, die Sünde zu erkennen

Gründonnerstag. Im Garten von Gethsemani wird Jesus durch schreckliche Qualen im Herzen zerrissen. Er ist in die Welt gesandt worden, um die Seelen von den Wirkungen der Erbsünde zu befreien, damit sie in die ewige Glückseligkeit hineingehen mögen. Die Erbsünde hat in den Seelen die Fähigkeit zum Sündigen aufgeschlossen. Die Seelen wurden anfällig für die unterschiedlichsten Untugenden, und die Sünden haben sich bis zur dichten Finsternis angehäuft, die Jesus in dieser Nacht in Sein Herz zieht. Der bittere Kelch aller Sünden von allen Jahrhunderten muss geleert werden.

Diese Nacht ist Zeuge des roten Fadens, der durch die ganze Menschengeschichte läuft: Hass, Verrat, Verleugnung, Verblendung, Geldsucht, Grausamkeit, Feigheit, der Meinung von Menschen große Bedeutung Beimessen, Selbstsucht, Unglaube, Vernichtung des Mitmenschen... Aber diese Nacht ist ebenfalls Zeuge des einzigen Heilmittels für diese Krankheit und der Verheißung der letztendlichen Gründung von Gottes Reich auf Erden. Dieses Heilmittel setzt sich zusammen aus: totaler Selbsthingabe, grenzenloser Liebe, erlösendem Leiden, der Einsetzung der heiligen Sakramente und der Vorbereitung des Kreuzes als ewiges und unzerstörbares Zeichen des Neuen Bundes zwischen Gott und der Menschheit. Satan vervielfältigt unaufhörlich die Legionen seiner ewigen Sklaven, weil die Seelen die Liebe nicht mehr leben UND weil sie die Sünde sehr oft nicht mehr erkennen.

Jesus schaute im Garten von Gethsemani schreckliche Visionen über den Stand der Seelen und die Folgen ihrer Sünden für die weitere Geschichte der Schöpfung. Er sah, was sehr viele sich weigern, zu sehen, oder wegen des schwarzen Rauches der Sünde nicht mehr imstande sind, zu sehen oder zu erkennen: die Sünde in der widerlichen Fülle ihrer wahren Art und ihrer Folgen. Die Seele, die nicht mehr sieht oder spürt, wann sie sündigt oder zu sündigen droht, ist eine Seele, die den Strom der Liebe nicht mehr wahrnimmt und die somit blind ist für das Göttliche Leben und für das wahre Glück, das von diesem Göttlichen Leben ausgeht.

Die Seele, die die Sünde nicht mehr sieht oder erkennt, kann auch kein Reuegefühl entwickeln. Unzählige Seelen meinen, dass sie nie sündigen, weil sie außer den schweren, auf der Hand liegenden Sünden wie Mord oder Überfall kaum noch irgendwelches Verhalten als Abweichung von Gottes Gesetz betrachten. Diese Seelen können somit keine Reue entwickeln in Bezug auf die manchmal unübersehbare Menge von Untugenden und Sünden, die sie sich zu Schulden kommen lassen, und sie sind auch nicht mehr dazu imstande, über ihre eigenen Taten, Nachlässigkeiten und Worte einzukehren.

Einkehr und Reumütigkeit sind Fähigkeiten, die blühen, solange das Gewissen gesund bleibt. Das Gewissen wird aber schwächer (oder schläfriger) in dem Grad, wie die Seele den Versuchungen nachgibt. Nach einer ersten Versuchung fühlt sich die Seele im Allgemeinen schlecht. Je nachdem sie aber ähnlichen Versuchungen nachgibt, kann dieses Gefühl geschwächt werden, und schlimmstenfalls (was allerdings häufig vorkommt) spürt sie nach einiger Zeit nichts mehr, wenn sie sündigt. Dies ist vor allem der Fall, wenn sie nicht die Gewohnheit hat, sich regelmäßig das Sakrament der Beichte zunutze zu machen, in dem sie nicht nur die Gnade der Vergebung, sondern auch diese des Verständnisses in Bezug auf die Sünde bekommen kann.

Als Jesus am Abend des Gründonnerstags sagte: “Tut dies zu Meinem Gedächtnis!”, so meinte Er dies in einem weiteren Sinne, als wir diese Worte gewöhnlich verstehen (nämlich als Einladung an die Kirche, die Eucharistiefeier aufrecht zu erhalten: Er legte mit diesen Worten in Wirklichkeit den Seelen ans Herz, Ihm zu folgen, sowohl indem sie ihr Leben als Kreuzweg zur Erlösung vieler Seelen leben sollten - das heißt, indem sie alle Prüfungen mit Liebe durchstehen und diese aufopfern -, als auch weiterhin Seinem Vorbild der stillen Betrachtung der Sünde im Garten von Gethsemani zu folgen, indem sie ihr Gewissen in der Absicht schärfen, die Versuchung immer erkennen zu können, bevor diese ihren Weg zur Sünde vollenden kann.

Der Heilige Kardinal Robert Bellarmin

(4.10.1542 bis 17.09.1621)

1930 heilig gesprochen und 1931 zum Kirchenlehrer erhoben, Patron der Katecheten und Katechumenen; Bischof, Bekenner und Kirchenlehrer; machtvoller Verteidiger des katholischen Glaubens und des Apostolischen Stuhles gegen die Irrlehren der Reformatoren.

Bekanntlich sind in Sievernich mehrere Heilige erschienen. Keiner dieser Heiligen ist ohne Grund gekommen. Mit dem Erscheinen jedes Heiligen will der Himmel uns eine Botschaft vermitteln. Der Heilige Robert Bellarmin ist in Sievernich insgesamt 17 Mal erschienen. Kann es sein, dass der Hl. Bellarmin in Sievernich erschienen ist, um ein Signal gegen die Irrlehren oder das Verschweigen wichtiger Wahrheiten vieler Theologen und Priester zu setzen und gegen die Tendenz, aufgrund einer falsch verstandenen Ökumene dem Protestantismus in der katholische Kirche immer mehr Raum zu geben? Zu wenige Bischöfe und Priester überwinden ihre Menschenfurcht und sprechen Wahrheiten aus, die für unser ewiges Leben ausschlaggebenden sein können, z.B. über Hölle, Fegefeuer, Todsünde und Beichte.

1597 verfasste der Heilige Bellarmin in Rom seinen Katechismus, der - wie kann es anders sein - noch heute gültig ist, da die Lehre der katholischen Kirche wahr und somit unveränderbar ist, wenn auch durch Wirken des Heiligen Geistes Ergänzungen möglich sind, wie z. B. das Dogma der Unbefleckten Empfängnis. Es ist bekannt, dass dieser Katechismus dem Heiligen besonders viel Mühe bereitet hat. Es folgt ein Auszug aus diesem Katechismus.

 Kapitel XVIII: Die Todsünde und die lässliche Sünde

(S = Schüler; L = Lehrer)

S: Erklären Sie mir jetzt bitte, was die Tatsünde ist und wie sie einmal eine Todsünde und einmal eine lässliche Sünde ist!

L: Eine Tatsünde ist eine Sünde, die wir aus eigenem Willen begehen, nachdem wir zum Vernunftgebrauch gelangt sind, indem wir z.B. stehlen, töten, falsch schwören oder ähnliches tun, was dem Gesetz Gottes widerspricht. Diese Sünde ist eine Todsünde, wenn sie den Menschen der Gnade Gottes beraubt, die das Leben der Seele ist, und den ewigen Tod in der Hölle verdient. Eine lässliche Sünde ist sie, wenn sie Gott zwar missfällt, aber nicht so sehr, dass sie den Menschen seiner Gnade beraubt. Sie verdient zwar ebenfalls Strafe, aber keine ewige.

S: Wie kann ich erkennen, ob eine Sünde eine Todsünde oder eine lässliche Sünde ist?

L: Um zu erkennen, ob die Sünde eine Todsünde ist, muss man zwei Regeln im Auge behalten. Die eine Regel besteht darin, dass die Sünde gegen die Gottes- oder die Nächstenliebe verstößt. Die zweite, dass sie mit voller Zustimmung des Willens geschieht. Wenn ihr also eine dieser zwei Bedingungen fehlt, ist sie keine Todsünde, sondern eine lässliche Sünde. Eine Sünde verstößt dann gegen die Liebe, wenn sie bei einem schwerwiegenden Tatbestand gegen das Gesetz gerichtet ist, so dass sie eine Beleidigung darstellt, die groß genug ist, um die Freundschaft zu zerstören. Wenn sie aber bei einem geringfügigen Tatbestand geschieht und nicht reicht, um die Freundschaft zu zerstören, dann ist sie nicht gegen die Liebe, sondern man spricht davon, dass sie nicht der Liebe gemäß ist. Ebenso sagt man bei ersterer, dass sie gegen das Gesetz ist, weil sie gegen die Liebe ist, die das Ziel des Gesetzes darstellt. Bei zweiterer sagt man nicht, dass sie gegen das Gesetz ist, sondern nur, dass sie nicht dem Gesetz gemäß ist, weil sie nicht gegen die Liebe, sondern nur der Liebe nicht gemäß ist. Führt euch folgendes Beispiel vor Augen: Eine große Summe Geld zu stehlen ist eine Todsünde, weil es gegen das Gesetz Gottes ist, weil es einen schwerwiegenden Tatbestand darstellt und weil es, wie jeder weiß, ausreicht, um eine Freundschaft zu zerstören. Somit verstößt es gegen die Liebe. Einen Groschen, eine Stecknadel oder etwas ähnliches zu stehlen ist dagegen keine Todsünde, sondern eine lässliche Sünde, weil es sich um einen geringfügigen Tatbestand handelt, und obwohl es nicht der Liebe gemäß ist, ist es dennoch auch nicht gegen die Liebe, weil es nichts ist, was normalerweise ausreicht, um eine Freundschaft zu zerstören. Ähnliches können wir von der zweiten Bedingung, der Freiwilligkeit, sagen. Wenn etwas in einem schwerwiegenden Tatbestand gegen das Gesetz gerichtet ist und völlig freiwillig geschieht, ist es eine Todsünde. Wenn es dagegen nicht völlig freiwillig wäre, wie wenn jemand plötzlich den Gedanken oder Wunsch hätte zu stehlen, zu morden oder zu fluchen, sich aber gleich korrigierte, bevor er mit dem Willen vollkommen zugestimmt hätte, so wäre es nur eine lässliche Sünde. Man muss freilich sorgfältig auf sich acht geben, und sobald man sich eines schlechten Gedankens oder Wunsches bewusst ist, muss man ihn verjagen, bevor der Wille ihm zustimmt.

 

Wie das Rotkehlchen zu
seiner roten Kehle kam

Vor langer Zeit sah die Welt noch viel, viel schöner aus. Es gab sehr viele bunte Blumenwiesen im Frühling, und wenn die liebe Sonne auf sie herunterlachte und den Erdboden aufwärmte, tummelten sich auch die singenden Vöglein wieder im ganzen Land. Sie zwitscherten und schlugen mit ihren kleinen Flügelchen so lustig, dass es eine Freude war für den lieben Gott, ihnen dabei zuzuschauen.

„Füt, füt, füt“ sang das kleine Rotkehlchen, das gerade auf den Zweigen eines knospenden Kirschbaumes spazieren ging an diesen prachtvollen Frühlingstagen.

„Füt, füt füüüt“ sang es vor sich hin. „Rot - rot - rootkehlchen, Rotkehlchen ist mein Name, füt!“ Das kleine Vögelchen sah sich dabei auf die Brust, wo seine kleine Kehle hervorkam beim Zwitschern. Sie war weiß wie die kleinen Gänseblümchen im Gras.

Der kleine Vogel dachte nach: „Warum nennt man mich eigentlich Rotkehlchen, wenn meine Kehle so weiß ist wie die weißen Blümchen da unten auf der Wiese? Hat der liebe Gott vielleicht bei meiner Erschaffung die rote Farbe vergessen?“ Und ganz entsetzt über seine eigenen Gedanken flog er unruhig auf ein Nest zu, das dort am Fuß des Baumstammes gebaut war. Darin waren kleine Rotkehlchenbabies, vier Stück. Sie reckten alle ihre kleinen Köpfchen aus dem Nest und zwitscherten fröhlich im Quartett: „Mama, wo warst du?“ Und alle hatten sie auch ein schneeweißes Kehlchen, so wie ihre Mutter.

„Das ist aber seltsam“, dachte die Rotkehlchenmama nach, dann wippte sie ein paar Mal mit ihrem Federschwänzchen und rief: „Macht euch keine Sorgen, ich bin gleich wieder zurück!“ Mit offenen Schnäbeln schauten die Jungen voll Staunen ihr nach, wie sie ganz hoch in die Luft hinaufflatterte, bis sie als kleiner Punkt schließlich in den Wolken verschwand.

Ja, liebe Kinder! So beginnt unsere Erzählung vom Rotkehlchen. Und oft schon haben sich Menschen über diesen kleinen Vogel die verschiedensten Geschichten erzählt. Da könnt ihr verstehen, dass er etwas ganz besonderes an sich hat. Und jetzt hört zu, wie es weiter geht:

Die Rotkehlchenmutter merkte, wie unter ihr die Wiese verschwand und der Kirschbaum war ebenfalls kaum noch zu sehen. Und sie flog immer noch höher durch die weißen Wolkenbetten ins blaue Himmelszelt hinauf, so weit wie noch nie zuvor. Denn das Rotkehlchen wollte ganz in die Nähe vom lieben Gott. „Ob es wohl noch lange dauert, bis die große Himmelstüre kommt?“ dachte es. Aber, nur Engelsflügel können diese große Entfernung durchfliegen, ohne müde zu werden.

Und so musste unser Vogel nach einer Weile feststellen, dass seine zarten Flügel anfingen, sich immer langsamer zu bewegen. Aus Erfahrung wusste er, was das bedeutet: Nun wird es Zeit zum Umkehren, denn die Kraft lässt nach. Er konnte auch nicht mehr höher steigen, wenn er sich auch noch so fest anstrengte. Da rief er aus voller Kehle, so laut er nur mit seiner kleinen Vogelstimme konnte, damit der liebe Gott auf Seinem Himmelsthron es auch höre: „Lieber Gott, mein Schöpfer, hörst Du mich? Bitte, bitte, sage mir, warum nennst du mich Rotkehlchen und meine Kehle ist aber ganz weiß wie der Schnee und die Gänseblümchen?“

Da antwortete der Vater im Himmel milde: „Mein geliebtes Rotkehlchen! Ich habe alle Meine Geschöpfe bei ihrem Namen gerufen. Und auch du sollst deine Aufgabe erfüllen, dann wirst du in Zukunft die rote Kehle bekommen. Aber du musst sie dir zuerst verdienen?“ Da fragte der kleine Vogel zurück: „Aber wie denn nur, mein Herr und Gott, wo ich doch so winzig und schwach bin?“

Gott erklärte nun unserem Rotkehlchen: „Schau, du musst lieben; denn rot ist die Farbe der Liebe. Mein Segen verhilft dir dazu. Und jetzt, fliege zur Erde zurück und liebe! Liebe, liebe!“ Es hallte durch den Himmel wie ein nie aufhörendes Echo, dieses letzte Wort, das der liebe Gott zum Rotkehlchen gesprochen hat: die Liebe.

Das Rotkehlchen folgte dem Befehl und flog zurück. Dieses Wort hallte noch in seinem kleinen Vogelherzchen nach, als es auf der heimatlichen Wiese auf dem Steinweg landete, der zum Kirschbaum hinführte.

Wie freuten sich die Jungen, als sie ihre Mutter wiedersahen. Und ganz aufgeregt erzählte sie ihnen von dem großen wunderbaren Erlebnis, von ihrer Begegnung mit dem lieben Gott und was Er gesagt hatte.

So lebten sie glücklich miteinander, bis eines Tages von draußen ein Geschrei ertönte, ein tosendes Geräusch durchbrach plötzlich ihren Frieden. Das Rotkehlchen schreckte auf, es hörte sich ja an wie ein Wirbelsturm von der Ferne oder Beben und Donnergrollen am Horizont. Erstarrt sah das Vöglein zum Himmel hinauf. Aber er war blau und sonnenklar wie zuvor.

Die Vogelmutter flog aus dem Nest und langsam auf den Lärm zu, da sah sie eine riesige Menschenmenge den Hügel heraufkommen. Sie sahen furchtbar böse aus und schnitten grausige Grimassen mit ihren Gesichtern. Manche fletschten den Mund und knirschten mit den Zähnen, andere knurrten wie gefährliche Hunde. Sie stießen Drohungen und Verwünschungen aus, schrien und fluchten. Einige warfen sogar mit Steinen auf etwas oder schlugen mit Stricken zu. Sie waren so böse wie wilde Tiere.

Sie kamen näher heran. Nun konnte man schon genauer die Soldaten mit Helmen und Schwertern erkennen, und bewacht in ihrer Mitte ein tief gebeugter Mann, der einen Stamm mit einem gewaltigen Querbalken auf seiner Schulter dahinschleppte, das lange Ende schleifte polternd über die Steine: Es war ein riesengroßes, hölzernes Kreuz.

Noch nie zuvor hatte das Rotkehlchen so etwas gesehen und es hüpfte ganz vorsichtig über die Büsche am Wegrand mit der Menschenmenge mit. Da sah es, wie der arme Mann schwerverletzt und barfuß war, seine Beine und Füße bluteten. Langstachliges Dornengestrüpp war wie eine Kappe um seinen Kopf gewunden, und jede Bewegung musste ihm große Qualen bereiten. Ja, die Dornen hingen ihm so weit ins Gesicht, dass sie fast seine Augen bedeckten. Und das Blut lief von seinem Haupt am ganzen Körper herunter. Keiner half ihm.

Die Soldaten hielten zwar die anderen Leute von ihm fern, aber das war auch alles. Sie selber schauten kaum zu ihm hin, so als wäre alles ganz in Ordnung. Dabei waren die vielen Menschen so bitter böse auf den Mann mit dem Kreuz, dass ihr Hassgeschrei dem Rotkehlchen die Kehle zuschnürte und es Angst bekam, sie würden ihn ermorden. Furchtsam zog es sein Köpfchen ein und wagte nicht zu piepsen. „Hoffentlich stechen ihm die Dornen nicht die Augen aus, sonst ist er auch noch blind, der Arme“, dachte es.

Die Vogelmutter hatte schon oft die Menschen beobachtet von den hohen Bäumen aus. Man sah sie lachen, spielen, weinen, aber auch streiten und schimpfen. Sie wusste ja, dass man den Menschen nicht trauen kann, aber so etwas wie heute - nein, das hätte sie nie für möglich gehalten. Dass diese Menschen so grausam sein können, wie wilde Löwen, das hatte das Rotkehlchen nicht gewusst. Es wurde ganz traurig darüber und bekam immer mehr Mitleid mit dem armen Mann, der so elend daherschwankte mit dem riesigen Holzkreuz und so verwundet und krank aussah. Sein weißes Kleid war ganz rot vor lauter Blut.

Der kleine Vogel folgte ihnen mit einem gewissen Sicherheitsabstand auf dem ganzen Weg entlang, der sich lange und stetig ansteigend dahinzog, und schaute, was geschehen würde. Als sie den Gipfel des felsigen Hügels erreicht hatten, machten sie Halt. Ängstlich spähte das Rotkehlchen hinter ein paar Grashalmen hervor. „Was tun sie jetzt?“ dachte es, laut pochte sein Herzchen. Dem armen Mann wurde das Kreuz von der Schulter abgenommen und neben ihm auf den Boden geworfen. Das Rotkehlchen atmete auf: „Ah, endlich kann er sich ausruhen, der Ärmste.“ Aber, o weh! Nein! Einer der Soldaten sprang hinzu, packte ihn am Kleid und riss es ihm mit einem Ruck vom Leib herunter. O, o! Der Anblick war entsetzlich. Nackt und von Wunden zerfleischt am ganzen Körper stand der Mann jetzt da. Das Blut strömte von neuem und rann in Bächlein nur so herunter. Die kleine Vogelmutter im Gras zitterte vor Schreck, ihr Herz war von Schmerz und Mitleid wie zerrissen.

Aber es kam noch schlimmer! Die Soldaten warfen den Mann brutal auf das Holzkreuz, das am Boden lag und spannten seine verwundeten Arme am Querbalken aus. Was hatten sie nur vor? Da kam ein anderer von ihnen mit einem Korb. Er holte einen Hammer und einen großen Nagel heraus und schlug durch die rechte Hand des gequälten Mannes den langen Nagel ins Holz, so dass er daran angenagelt war. Der Mann krümmte sich und ein Schmerzensschrei entrang sich seinem Mund.

Es war ein grauenvoller Anblick und das Rotkehlchen, das versteckt nur ein paar Schritte davon entfernt war, zuckte bei jedem Hammerschlag, als ob es selber getroffen würde. Wie ein zusammengedrücktes Federbällchen wurde es immer kleiner, bis es fast ganz am Boden versunken war. Das war das aller allerschlimmste, was das Rotkehlchen je gesehen hatte auf der großen weiten Welt.

Aber das genügte den bösen Menschen noch nicht. Sie hörten nicht auf. Auch die andere Hand und die beiden Füße des todkranken Mannes wurden genauso grausam an das rauhe Kreuz genagelt, so dass er sich nicht mehr bewegen konnte, und er weinte und weinte. Das Rotkehlchen schüttelte ohnmächtig sein kleines Köpfchen und wollte ihm doch so gerne helfen.

Danach packten die Soldaten das Kreuz mit dem Mann, der daran angenagelt war und stellten es senkrecht auf, um ihn noch mehr zu quälen. „Dass es soviel Bosheit bei den Menschen gibt!“ dachte das Rotkehlchen fassungslos und ganz außer sich.

Drei Stunden lang hing der arme Mann am Kreuz an seinen angenagelten Händen und Füßen und die Menschen beschimpften und verspotteten ihn ohne müde zu werden, ohne Unterlass.

Der Vogel wollte ihm beistehen und flog zu ihm hinauf. Das Mitleid hatte die Angst vertrieben und er kümmerte sich nicht um die Steine die an ihm vorbeisausten, welche die bösen Menschen auf den gekreuzigten Mann warfen. Er flog ganz nah zu ihm hin, bis auf den Querbalken an seiner Schulter, er piepste und sang dann ein kleines trauriges Liedchen. Auch machte er mit seinem Flügelschlag viel Wind vor seinem Gesicht, weil die Hitze der Mittagssonne den Armen so sehr plagte. Der sterbende Mann sah mit einem Mal das Rotkehlchen an und lächelte ihm freundlich und dankbar zu trotz all seiner Qual. Dann dauerte es nicht mehr lange, bis er den Kopf neigte, seinen letzten Schrei ausstieß und starb.

Tieftraurig flog das kleine Rotkehlchen von seiner Seite auf den Boden hinunter. Da senkte es sein kleines Köpfchen, „piep, piep, piep“, sagte es nur noch ganz leise. Nun kam ein Soldat und stach mit einer großen Lanze dem armen Toten in die Brust und sein Blut floss aus der Lanzenwunde aus seinem geöffneten Herzen heraus.

Das Rotkehlchen schaute zitternd auf und sah es. Voller Angst und Bangen trat es von einem Füßchen auf das andere, dann öffnete es schnell seine Flügel und flog eilends zurück zum Kirschbaum ins Nest zu seinen Jungen. Ja, es hatte große Furcht, dass der böse Soldat die jungen Rotkehlchen genauso töten könne. Aber dieser tat es nicht, sondern es ging eine plötzliche Veränderung mit ihm vor, als er nach dem Lanzenstich zurücktrat er blickte zum Kreuz hinauf und rief laut: „Wahrhaft, dieser Mann war Gottes Sohn.“

Die Vogelmutter breitete schweigsam ihre Flügel schützend über ihre Kinder aus, die sich gar nicht zu rühren und nichts zu fragen wagten. Sie dachte dabei nach: „Was hat der Soldat gerade gesagt - Gottes Sohn?“ Und dann fiel ihr wieder ein, was Gott Vater zu ihr gesprochen hatte wegen ihrer weißen Kehle.

Da zwitscherte eines der Jungen: „Mama, schau mal, du hast rote Brustfedern bekommen!“ – „Ja, ja!“ schreien auch die anderen drei laut, „nun bist du ein echtes Rotkehlchen geworden!“ Und wie die Mutter ihre Äuglein überrascht dorthin wendet, war wirklich ein blutroter Fleck auf ihrer Vogelbrust sichtbar. „Das Blut dieses Mannes muss mich getroffen haben“, dachte sie und wollte es abwischen mit ihrem Schnäbelchen, aber es ging nicht weg. Auch das Wasser im Teich der Stadt wollte die Farbe nicht entfernen. Da musste das Rotkehlchen sich wieder erinnern, wie ihm der liebe Gott geboten hatte: „Fliege zurück zur Erde und liebe!“

Ja, es liebte diesen armen Mann, der da am Kreuz gestorben war. Aber jetzt war es zu spät, er war tot, unter Finsternissen, Blitz und Donner hatte er seinen Geist aufgegeben. Das Rotkehlchen konnte noch zusehen, wie der Sohn Gottes vom Kreuz herabgeholt und in ein Felsengrab getragen wurde. Trauernd flog es zum Grabe Tag für Tag und klagte: „piep, piep, piep“. Aber es konnte nicht zu ihm hinein, weil eine große Steinplatte den ganzen Eingang versperrte.

Doch dann, am dritten Tage, als die Sonne morgens aufging, war etwas anders als zuvor. Die Vogelmutter erwachte und war überglücklich. Sie konnte es sich aber nicht erklären. Auch der Kirschbaum stand plötzlich in voller Blüte da, über Nacht hatten sich alle seine rosaroten Knospen geöffnet, und die Sonne strahlte lieblicher und schöner als je zuvor. Der Wind trug den süßen Blütenduft durch die Luft. Das Rotkehlchen staunte und schlüpfte langsam aus dem Nest.

Da stand ein Mensch in langem, weißem Gewand neben dem Baum, ein wunderschöner junger Mann war es. Er streckte dem Rotkehlchen sanft seinen Zeigefinger entgegen und sagte lächelnd: „Komm doch her, mein kleiner Freund!“

Da erst erkannte der kleine Vogel, dass dies der Sohn Gottes war, derselbe, der vor drei Tagen dort am Kreuz gestorben war. Es sah nämlich in seinen Händen und Füßen die rotleuchtenden Wundmale der Kreuzigung, schimmernd wie Rubine. Das Rotkehlchen hüpfte vor Freude auf seiner Hand und jubilierte den lautesten Freudenvogelsang aller Zeiten: „Alleluja, alleluja!“ Dies hörten die Jungen im Nest, sie flogen herbei und zwitscherten begeistert mit.

Ja, Kinder! Das war der schönste Ostermorgen, den die Rotkehlchen-Familie in ihrem ganzen Leben erlebt hatte. Der auferstandene Erlöser Jesus Christus streichelte seinen kleinen Freund und sagte zu ihm: „Weil du mich so liebst, hast du dir dein rotes Kehlchen verdient. Von heute an sollen alle Rotkehlchen auf der ganzen Welt immer diese roten Brustfedern haben, als ein Zeichen, dass die Liebe zu Gott von den Menschen nie mehr vergessen wird, bis ans Ende der Welt.“