Informationsblatt der Blauen Gebetsoase
in Sievernich
Geistlicher Impuls
Ein Missionar erzählte von einer Stadt, in der ein Ghetto
für Leprakranke eingerichtet war. Aus Angst vor der
Ansteckung wurden die Kranken wie Gefangene auf
einem Gebiet gehalten, in dem sie einige Felder zu
bestellen hatten. Das Gelände war von einer hohen
Mauer umgeben. Einer der Kranken fiel immer durch
seine ruhige Gelassenheit auf. Eines Tages lüftete er
das Geheimnis. Er sagte: »Ich weiß, dass die Mauer
an einer Stelle ein Loch hat. Da geht von Zeit zu Zeit
meine Frau vorbei und wirft einen Blick herein. Ich
kann sie zwar nicht sehen, aber mir genügt es zu wissen,
dass sie mir immer wieder einen Blick schenkt.
Das genügt mir. Davon kann ich leben." Geistlicher Impuls
1. ,,Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt
in Gott, und Gott bleibt in ihm’’ (1 Joh 4, 16). In diesen
Worten aus dem Ersten Johannesbrief ist die Mitte des
christlichen Glaubens, das christliche Gottesbild und
auch das daraus folgende Bild des Menschen und
seines Weges in einzigartiger Klarheit ausgesprochen.
Außerdem gibt uns Johannes in demselben Vers auch
sozusagen eine Formel der christlichen Existenz: ,,Wir
haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat, und ihr
geglaubt’’ (vgl. 4, 16).
Ja, von dem liebenden Blick eines Menschen kann
sehr viel Kraft ausgehen.
Und erst recht beglückend muss es doch sein, wenn
wir uns von Gott liebevoll angeschaut wissen.
Davon berichtet das Alte Testament im 1.Buch Samuel.
Da wird von Hanna erzählt. Sie fühlte sich wegen
ihrer Kinderlosigkeit vor den Menschen gedemütigt,
war verzweifelt und weinte sehr. Da machte sie ein
Gelübde und sagte: »Herr der Heere, wenn du das
Elend deiner Magd wirklich ansiehst, wenn du an mich
denkst und deine Magd nicht vergisst und ihr ein Kind
schenkst, dann will ich es für sein ganzes Leben dem
Herrn überlassen" (1 Sam 1,11).
An diese Frau fühlte sich wohl Maria erinnert, als sie
ihr Kind empfing und von einem Engel die Nachricht
erhielt: »Der Herr ist mit dir!" Da beginnt sie voll überschwänglicher
Freude zu singen: »Meine Seele preist
die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott,
meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd
hat er geschaut."
Unvorstellbar, was hier geschieht!
Der große, ewige und allmächtige Gott Israels hat auf
sie, das arme Mädchen aus dem kleinen verachteten
Nest Nazaret, geschaut. Das genügte ihr. Davon konnte
sie leben. Dieses Erlebnis konnte ihr niemand mehr
entreißen. Das gab ihr Sicherheit. Da konnte kommen,
was mag.
Welche Kraft in dieser Frau steckte, das lässt ihr Magnifikat-
Lied erahnen, in dem sie die Worte der Hanna
aufgriff. Das sind nicht Worte eines verzagten Mauerblümchens.
Das ist ein Lied voller Sprengkraft, das die
Machtverhältnisse dieser Welt auf den Kopf stellt. Maria
spricht ohne Angst von ihrer Hoffnung auf einen
Gott, der die Mächtigen vom Thron stürzt, der den
Erniedrigten die verlorene Ehre zurückgibt, der die
Hungernden mit seinen Gaben beschenkt und die
Reichen leer ausgehen lässt.
Dabei war das Leben Marias keineswegs auf der Sonnenseite
angesiedelt, aber sie wusste, warum sie lebte.
Sie wusste sich von Gott liebevoll angeschaut. Das ließ
sie die grausamen Stunden der vergeblichen Herbergssuche
kurz vor ihrer Niederkunft durchstehen, die
Strapazen der Flucht nach Ägypten oder die Mühen,
ihren heranwachsenden Sohn zu verstehen. Es war
sicher nicht leicht, die harte Zurückweisung durch ihren
Sohn bei der Hochzeitsfeier zu Kana zu verkraften.
Nicht zuletzt steht Maria auch an seinem Leidensweg
und unter dem Kreuz „ihren Mann“, wo die Apostel, mit
Ausnahme des Lieblingsjüngers Johannes, nicht mehr
zu finden sind. Spätestens hier zeigt sich ihr ganzes
Format, ihre ganze Größe, voll der Gnade. Die Kirche
ist von ihren ersten Anfängen an zutiefst davon überzeugt,
dass der Herr auf uns alle schaut, auf jede und
jeden ganz persönlich. Damit uns das bewusst wird,
ruft sie uns immer wieder den Wunsch zu: "Der Herr
sei mit euch!"
Wenn der Herr auf uns schaut, wenn er mit uns ist - so
fragt Paulus im Römerbrief (8,31) -, wer kann dann
noch gegen uns sein? Und selbst wenn jemand gegen
uns wäre, selbst wenn sich die ganze Welt gegen uns
verschworen haben sollte, wir bräuchten nichts zu
fürchten. Wenn uns das immer bewusst wäre, wie viele
Enttäuschungen und Missgeschicke, Leiden und Sorgen
innerhalb und außerhalb der Kirche ließen sich da
vermeiden bzw. besser verkraften?
Aber noch etwas ist wichtig. Wer sich von Gott angeschaut
weiß, für den sollte es auch selbstverständlich
sein, diesen liebenden Blick weiterzugeben. Jesus
macht vom Kreuz aus seine Mutter und seinen Lieblingsjünger
ausdrücklich darauf aufmerksam. Als er sie
sieht, sagt er: "Frau, sieh, dein Sohn." - "Sohn, sieh,
deine Mutter". Die Verehrung, die Maria bis zum heutigen
Tag unter den Menschen genießt, kommt nicht von
ungefähr. Die Menschen haben gespürt, dass sie uns
nach ihrer eigenen Himmelfahrt nicht aus den mütterlichen
Augen verloren hat. Ein Teil echter Marienverehrung
sollte darin bestehen, dass wir wie sie den von
Gott geschenkten liebenden Blick an andere weitergeben.
Maria hat es uns vorgelebt. Sie ist
- die Schwester aller, die von Gott angeschaut werden,
- die Schwester aller, die anderen zum Ansehen verhelfen.
So können wir gerade im Oktober durch das Beten des
Rosenkranzes Christus gleichsam mit den Augen seiner
Mutter entdecken und anschauen.
Durch die Augen der Mutter erkennen wir in vorzüglicher
Weise, wer und was ihr Sohn für uns in Wahrheit
ist. Sie weist auf ihren Sohn und führt uns zu ihm:
„Was er euch sagt, das tut“
Ja, Maria, du bist wahrhaft gebenedeit unter den
Frauen, denn der Herr hat dich angeschaut, er hat dich
von Ewigkeit her im Blick gehabt, er wollte dich, und
keine andere. Du warst vor aller Zeit Gottes erste
Wahl, so hilf auch uns in diesem Monat durch das
Rosenkranzgebet Christus erneut zur ersten Wahl
unseres Leben zu machen, jetzt, morgen und in der
Stunde unseres Todes.
AMEN.
Ihr
Frank Aumüller,
Wallfahrtspfarrer in Marienthal, Westerwald
Auszüge aus der Enzyklika DEUS CARITAS EST
von Papst Benedikt XVI. an die Bischöfe, an die
Priester und Diakone, an die gottgeweihten Personen
und an alle Christgläubigen über die christliche
Liebe (25. Dezember 2005):
Wir haben der Liebe geglaubt: So kann der Christ den
Grundentscheid seines Lebens ausdrücken. Am Anfang
des Christseins steht nicht ein ethischer
Entschluß oder eine große Idee, sondern die Begegnung
mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem
Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende
Richtung gibt. In seinem Evangelium hatte
Johannes dieses Ereignis mit den folgenden Worten
ausgedrückt: ,,So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er
seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn
glaubt ... das ewige Leben hat’’ (3, 16). Mit der Zentralität
der Liebe hat der christliche Glaube aufgenommen,
was innere Mitte von Israels Glauben war, und dieser
Mitte zugleich eine neue Tiefe und Weite gegeben.
Denn der gläubige Israelit betet jeden Tag die Worte
aus dem Buch Deuteronomium, in denen er das Zentrum
seiner Existenz zusammengefaßt weiß: ,,Höre,
Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum
sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem
Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft’’ (6, 4-
5). Jesus hat dieses Gebot der Gottesliebe mit demjenigen
der Nächstenliebe aus dem Buch Levitikus: ,,Du
sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst’’ (19, 18)
zu einem einzigen Auftrag zusammengeschlossen (vgl.
Mk 12, 29-31). Die Liebe ist nun dadurch, daß Gott uns
zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4, 10), nicht mehr nur ein
,,Gebot’’, sondern Antwort auf das Geschenk des Geliebtseins,
mit dem Gott uns entgegengeht.
In einer Welt, in der mit dem Namen Gottes bisweilen
die Rache oder gar die Pflicht zu Haß und Gewalt verbunden
wird, ist dies eine Botschaft von hoher Aktualität
und von ganz praktischer Bedeutung. ...
42. Zum Leben der Heiligen gehört nicht bloß ihre
irdische Biographie, sondern ihr Leben und Wirken von
Gott her nach ihrem Tod. In den Heiligen wird es sichtbar:
Wer zu Gott geht, geht nicht weg von den Menschen,
sondern wird ihnen erst wirklich nahe. Nirgends
sehen wir das mehr als an Maria. Das Wort des Gekreuzigten
an den Jünger, an Johannes und durch ihn
hindurch an alle Jünger Jesu: ,,Siehe da, deine Mutter’’
(Joh 19, 27), wird durch alle Generationen hindurch
immer neu wahr. Maria ist in der Tat zur Mutter aller
Glaubenden geworden. Zu ihrer mütterlichen Güte wie
zu ihrer jungfräulichen Reinheit und Schönheit kommen
die Menschen aller Zeiten und aller Erdteile in
ihren Nöten und ihren Hoffnungen, in ihren Freuden
und Leiden, in ihren Einsamkeiten wie in der Gemeinschaft.
Und immer erfahren sie das Geschenk ihrer
Güte, erfahren sie die unerschöpfliche Liebe, die sie
aus dem Grund ihres Herzens austeilt. Die Zeugnisse
der Dankbarkeit, die ihr in allen Kontinenten und Kulturen
erbracht werden, sind die Anerkennung jener reinen
Liebe, die nicht sich selber sucht, sondern nur
einfach das Gute will. Die Verehrung der Gläubigen
zeigt zugleich das untrügliche Gespür dafür, wie solche
Liebe möglich wird: durch die innerste Einung mit Gott,
durch das Durchdrungensein von ihm, das denjenigen,
der aus dem Brunnen von Gottes Liebe getrunken hat,
selbst zum Quell werden läßt, ,,von dem Ströme lebendigen
Wassers ausgehen’’ (vgl. Joh 7, 38). Maria,
die Jungfrau, die Mutter, zeigt uns, was Liebe ist und
von wo sie ihren Ursprung, ihre immer erneuerte Kraft
nimmt. Ihr vertrauen wir die Kirche, ihre Sendung im
Dienst der Liebe an:
Heilige Maria, Mutter Gottes,
du hast der Welt
das wahre Licht geschenkt,
Jesus, deinen Sohn — Gottes Sohn.
Du hast dich ganz
dem Ruf Gottes überantwortet
und bist so zum Quell der Güte geworden,
die aus ihm strömt.
Zeige uns Jesus. Führe uns zu ihm.
Lehre uns ihn kennen und ihn lieben,
damit auch wir selbst
wahrhaft Liebende
und Quelle lebendigen Wassers
werden können
inmitten einer dürstenden Welt.