Informationsblatt der Blauen Gebetsoase

in Sievernich

 Oktober 2009

 

Geistlicher Impuls

Ein Missionar erzählte von einer Stadt, in der ein Ghetto für Leprakranke eingerichtet war. Aus Angst vor der Ansteckung wurden die Kranken wie Gefangene auf einem Gebiet gehalten, in dem sie einige Felder zu bestellen hatten. Das Gelände war von einer hohen Mauer umgeben. Einer der Kranken fiel immer durch seine ruhige Gelassenheit auf. Eines Tages lüftete er das Geheimnis. Er sagte: »Ich weiß, dass die Mauer an einer Stelle ein Loch hat. Da geht von Zeit zu Zeit meine Frau vorbei und wirft einen Blick herein. Ich kann sie zwar nicht sehen, aber mir genügt es zu wissen, dass sie mir immer wieder einen Blick schenkt. Das genügt mir. Davon kann ich leben."
Ja, von dem liebenden Blick eines Menschen kann sehr viel Kraft ausgehen. Und erst recht beglückend muss es doch sein, wenn wir uns von Gott liebevoll angeschaut wissen. Davon berichtet das Alte Testament im 1.Buch Samuel. Da wird von Hanna erzählt. Sie fühlte sich wegen ihrer Kinderlosigkeit vor den Menschen gedemütigt, war verzweifelt und weinte sehr. Da machte sie ein Gelübde und sagte: »Herr der Heere, wenn du das Elend deiner Magd wirklich ansiehst, wenn du an mich denkst und deine Magd nicht vergisst und ihr ein Kind schenkst, dann will ich es für sein ganzes Leben dem Herrn überlassen" (1 Sam 1,11).
An diese Frau fühlte sich wohl Maria erinnert, als sie ihr Kind empfing und von einem Engel die Nachricht erhielt: »Der Herr ist mit dir!" Da beginnt sie voll überschwänglicher Freude zu singen: »Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut."
Unvorstellbar, was hier geschieht!
Der große, ewige und allmächtige Gott Israels hat auf sie, das arme Mädchen aus dem kleinen verachteten Nest Nazaret, geschaut. Das genügte ihr. Davon konnte sie leben. Dieses Erlebnis konnte ihr niemand mehr entreißen. Das gab ihr Sicherheit. Da konnte kommen, was mag.
Welche Kraft in dieser Frau steckte, das lässt ihr Magnifikat- Lied erahnen, in dem sie die Worte der Hanna aufgriff. Das sind nicht Worte eines verzagten Mauerblümchens. Das ist ein Lied voller Sprengkraft, das die Machtverhältnisse dieser Welt auf den Kopf stellt. Maria spricht ohne Angst von ihrer Hoffnung auf einen Gott, der die Mächtigen vom Thron stürzt, der den Erniedrigten die verlorene Ehre zurückgibt, der die Hungernden mit seinen Gaben beschenkt und die Reichen leer ausgehen lässt.
Dabei war das Leben Marias keineswegs auf der Sonnenseite angesiedelt, aber sie wusste, warum sie lebte. Sie wusste sich von Gott liebevoll angeschaut. Das ließ sie die grausamen Stunden der vergeblichen Herbergssuche kurz vor ihrer Niederkunft durchstehen, die Strapazen der Flucht nach Ägypten oder die Mühen, ihren heranwachsenden Sohn zu verstehen. Es war sicher nicht leicht, die harte Zurückweisung durch ihren Sohn bei der Hochzeitsfeier zu Kana zu verkraften.
Nicht zuletzt steht Maria auch an seinem Leidensweg und unter dem Kreuz „ihren Mann“, wo die Apostel, mit Ausnahme des Lieblingsjüngers Johannes, nicht mehr zu finden sind. Spätestens hier zeigt sich ihr ganzes Format, ihre ganze Größe, voll der Gnade. Die Kirche ist von ihren ersten Anfängen an zutiefst davon überzeugt, dass der Herr auf uns alle schaut, auf jede und jeden ganz persönlich. Damit uns das bewusst wird, ruft sie uns immer wieder den Wunsch zu: "Der Herr sei mit euch!"
Wenn der Herr auf uns schaut, wenn er mit uns ist - so fragt Paulus im Römerbrief (8,31) -, wer kann dann noch gegen uns sein? Und selbst wenn jemand gegen uns wäre, selbst wenn sich die ganze Welt gegen uns verschworen haben sollte, wir bräuchten nichts zu fürchten. Wenn uns das immer bewusst wäre, wie viele Enttäuschungen und Missgeschicke, Leiden und Sorgen innerhalb und außerhalb der Kirche ließen sich da vermeiden bzw. besser verkraften?

Aber noch etwas ist wichtig. Wer sich von Gott angeschaut weiß, für den sollte es auch selbstverständlich sein, diesen liebenden Blick weiterzugeben. Jesus macht vom Kreuz aus seine Mutter und seinen Lieblingsjünger ausdrücklich darauf aufmerksam. Als er sie sieht, sagt er: "Frau, sieh, dein Sohn." - "Sohn, sieh, deine Mutter". Die Verehrung, die Maria bis zum heutigen Tag unter den Menschen genießt, kommt nicht von ungefähr. Die Menschen haben gespürt, dass sie uns nach ihrer eigenen Himmelfahrt nicht aus den mütterlichen Augen verloren hat. Ein Teil echter Marienverehrung sollte darin bestehen, dass wir wie sie den von Gott geschenkten liebenden Blick an andere weitergeben. Maria hat es uns vorgelebt. Sie ist
- die Schwester aller, die von Gott angeschaut werden,
- die Schwester aller, die anderen zum Ansehen verhelfen.

So können wir gerade im Oktober durch das Beten des Rosenkranzes Christus gleichsam mit den Augen seiner Mutter entdecken und anschauen. Durch die Augen der Mutter erkennen wir in vorzüglicher Weise, wer und was ihr Sohn für uns in Wahrheit ist. Sie weist auf ihren Sohn und führt uns zu ihm: „Was er euch sagt, das tut“ Ja, Maria, du bist wahrhaft gebenedeit unter den Frauen, denn der Herr hat dich angeschaut, er hat dich von Ewigkeit her im Blick gehabt, er wollte dich, und keine andere. Du warst vor aller Zeit Gottes erste Wahl, so hilf auch uns in diesem Monat durch das Rosenkranzgebet Christus erneut zur ersten Wahl unseres Leben zu machen, jetzt, morgen und in der Stunde unseres Todes.
AMEN.

Ihr
Frank Aumüller,
Wallfahrtspfarrer in Marienthal, Westerwald

Auszüge aus der Enzyklika DEUS CARITAS EST von Papst Benedikt XVI. an die Bischöfe, an die Priester und Diakone, an die gottgeweihten Personen und an alle Christgläubigen über die christliche Liebe (25. Dezember 2005):

Geistlicher Impuls 1. ,,Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm’’ (1 Joh 4, 16). In diesen Worten aus dem Ersten Johannesbrief ist die Mitte des christlichen Glaubens, das christliche Gottesbild und auch das daraus folgende Bild des Menschen und seines Weges in einzigartiger Klarheit ausgesprochen. Außerdem gibt uns Johannes in demselben Vers auch sozusagen eine Formel der christlichen Existenz: ,,Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat, und ihr geglaubt’’ (vgl. 4, 16).

Wir haben der Liebe geglaubt: So kann der Christ den Grundentscheid seines Lebens ausdrücken. Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluß oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt. In seinem Evangelium hatte Johannes dieses Ereignis mit den folgenden Worten ausgedrückt: ,,So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt ... das ewige Leben hat’’ (3, 16). Mit der Zentralität der Liebe hat der christliche Glaube aufgenommen, was innere Mitte von Israels Glauben war, und dieser Mitte zugleich eine neue Tiefe und Weite gegeben. Denn der gläubige Israelit betet jeden Tag die Worte aus dem Buch Deuteronomium, in denen er das Zentrum seiner Existenz zusammengefaßt weiß: ,,Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft’’ (6, 4- 5). Jesus hat dieses Gebot der Gottesliebe mit demjenigen der Nächstenliebe aus dem Buch Levitikus: ,,Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst’’ (19, 18) zu einem einzigen Auftrag zusammengeschlossen (vgl. Mk 12, 29-31). Die Liebe ist nun dadurch, daß Gott uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4, 10), nicht mehr nur ein ,,Gebot’’, sondern Antwort auf das Geschenk des Geliebtseins, mit dem Gott uns entgegengeht. In einer Welt, in der mit dem Namen Gottes bisweilen die Rache oder gar die Pflicht zu Haß und Gewalt verbunden wird, ist dies eine Botschaft von hoher Aktualität und von ganz praktischer Bedeutung. ...

42. Zum Leben der Heiligen gehört nicht bloß ihre irdische Biographie, sondern ihr Leben und Wirken von Gott her nach ihrem Tod. In den Heiligen wird es sichtbar: Wer zu Gott geht, geht nicht weg von den Menschen, sondern wird ihnen erst wirklich nahe. Nirgends sehen wir das mehr als an Maria. Das Wort des Gekreuzigten an den Jünger, an Johannes und durch ihn hindurch an alle Jünger Jesu: ,,Siehe da, deine Mutter’’ (Joh 19, 27), wird durch alle Generationen hindurch immer neu wahr. Maria ist in der Tat zur Mutter aller Glaubenden geworden. Zu ihrer mütterlichen Güte wie zu ihrer jungfräulichen Reinheit und Schönheit kommen die Menschen aller Zeiten und aller Erdteile in ihren Nöten und ihren Hoffnungen, in ihren Freuden und Leiden, in ihren Einsamkeiten wie in der Gemeinschaft. Und immer erfahren sie das Geschenk ihrer Güte, erfahren sie die unerschöpfliche Liebe, die sie aus dem Grund ihres Herzens austeilt. Die Zeugnisse der Dankbarkeit, die ihr in allen Kontinenten und Kulturen erbracht werden, sind die Anerkennung jener reinen Liebe, die nicht sich selber sucht, sondern nur einfach das Gute will. Die Verehrung der Gläubigen zeigt zugleich das untrügliche Gespür dafür, wie solche Liebe möglich wird: durch die innerste Einung mit Gott, durch das Durchdrungensein von ihm, das denjenigen, der aus dem Brunnen von Gottes Liebe getrunken hat, selbst zum Quell werden läßt, ,,von dem Ströme lebendigen Wassers ausgehen’’ (vgl. Joh 7, 38). Maria, die Jungfrau, die Mutter, zeigt uns, was Liebe ist und von wo sie ihren Ursprung, ihre immer erneuerte Kraft nimmt. Ihr vertrauen wir die Kirche, ihre Sendung im Dienst der Liebe an:

Heilige Maria, Mutter Gottes,
du hast der Welt
das wahre Licht geschenkt,
Jesus, deinen Sohn — Gottes Sohn.
Du hast dich ganz
dem Ruf Gottes überantwortet
und bist so zum Quell der Güte geworden,
die aus ihm strömt.
Zeige uns Jesus. Führe uns zu ihm.
Lehre uns ihn kennen und ihn lieben,
damit auch wir selbst
wahrhaft Liebende
und Quelle lebendigen Wassers
werden können
inmitten einer dürstenden Welt.